Eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte war die Pestwelle in den Jahren 1346-1353. Schätzungen zufolge kostete sie einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Sie hatte gewaltige soziale und kulturelle Auswirkungen. Ein Beitrag von Gregor Emmenegger.


David Neuhold: Die Pest damals, und heute? – Kommentar


Heute noch findet sich das Wort der „Pest“ in unserem Wortschatz. „Stinken wie die Pest“ oder „Meiden wie die Pest“ bezeichnen adverbiale Superlative. Die „Wahl zwischen Pest und Cholera“ zu haben ist auch nicht schön – aber wenn, dann würde man doch heute gerne letzteres in Anspruch nehmen. Einfache Infusionen verhelfen bei der Cholera schon oft Abhilfe.


Was da Mitte des 14. Jahrhunderts in unseren Breiten geschehen ist, das ist nur schwer zu fassen. Kirchengeschichte ist immer auch angehalten, auf die Schwachen, Kranken und „Verlierer“ zu blicken. Von diesen gab (und gibt) es genug, und so viele Tote! Das Gesetz der Endlichkeit wurden den Menschen deutlich vor Augen geführt, wie Gregor Emmenegger es gut darstellt und aufzeigt. In eindrücklicher Weise wird erwähnt, wie die Menschen nach all den Massengräbern ihrer Zeit das Bedürfnis nach einem persönlichen Grabstein fühlten und umsetzten.


Kann die heutige Corona-Krise mit der Geißel der Pest verglichen werden? Es ist eine schwierige Frage. Historische Vergleiche sind stets wackelig, nahe einem Hangrutsch. Wenn wir uns aber heute mit Pandemien wie der Pest beschäftigen, dann ist eine solche Verknüpfung schon implizit hergestellt. Eine Gemeinsamkeit ist sicher darin zu sehen, dass lineare Geschichtsvorstellungen unterbrochen wurden. Das von Emmenegger gebrachte Quellenbeispiel aus dem 14. Jahrhundert, wo ein Vater seine Kinder beerdigen musste, macht dies mehr als deutlich. Das geht unter die Haut. Schon Cicero sagte sinngemäß, dass es das Schlimmste sei, wenn Eltern am Grabe ihrer Kinder stehen. Aber ein Bruch der Linearität ist auch heute gegeben. Neben den Toten, die Menschen in Bergamo und anderswo besonders zu beklagen haben, wurde uns das z.B. mit einem einfachen Blick zum Himmel deutlich: Für unser Leben wichtige Verbindungslinien wurden gekappt, Kondensstreifen verschwanden.


Emmenegger spricht einerseits historisch von der Auflösung von Solidargemeinschaften und dem verheerenden Druck auf Minderheiten, andererseits von wirtschaftlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und spirituellen Impulsen, die diese Krise hervorgebracht hatte. Vielleicht kann uns eine historische Analyse motivieren, sich auch heute für eine humanere Welt einzusetzen – damit das Leben aller zu einem gelungenen Gemälde werden kann…



David Neuhold ist habilitierter Kirchenhistoriker und arbeitet an den Universitäten Fribourg und Zürich.



Reduktionismus – was ist das?

Der Begriff „Reduktionismus“ kommt vom lateinischen Verb „reducere“, das „zurückführen“ bedeutet. Wer für einen ontologischen (nicht nur methodischen) „Reduktionismus“ eintritt, der führt die Viefalt der sich zeigenden Phänomene auf eine einzige Grundwirklichkeit zurück, etwa die Materie (Materialismus) oder den Ausschnitt der Wirklichkeit, der naturwissenschaftlich erkennbar ist (Naturalismus). Oft sind Reduktionismen durch im Augenblick besonders erfolgreiche Wissenschaften motiviert (Physikalismus, Biologismus). Immer findet sich in der Rhetorik des Reduktionismus direkt oder indirekt die Formel „x ist nichts anderes als y“ („nothing buttery“). Kein Reduktionismus ist aber selbstverständlich. Jeder stellt eine nicht empirisch begründbare, metaphysische, ontologische Option dar, die begründungspflichtig ist und sich nicht „von selbst“ ergibt. Alternativ ist eine Haltung der „Rettung der Phänomene“, die Einheit und Vielfalt unserer Wirklichkeitserfahrung auch in der ontologischen Analyse gerecht zu werden sucht.



Martin Brüske: Zur Dialektik der Reduktion – Kommentar


Reduktion ist „sexy“, weil attraktiv und erfolgreich. Als methodischer Zugriff auf die Natur, der eine Fokussierung und Präzisierung derjenigen Fragen erlaubt, die wir an sie stellen, gehört sie zu den Erfolgsgeheimnissen neuzeitlicher Wissenschaft. Allein sie deckt so gesetzmäßige Zusammenhänge auf, die auch technisch verwertbar sind. Holistische Theorien stillen vielleicht das Bedürfnis nach Kontemplation, aber schon Francis Bacon (1561–1626) fand sie in der Gestalt der teleologischen Anschauung der Natur „steril (was für eine Metapher!) wie eine gottgeweihte Jungfrau“ (Bacon, 1623, III,5). Reduktion dagegen verleiht dem technischen Eros Flügel. Sie führt zur Fruchtbarkeit technischen Herrschaftswissens. Ist das falsch? Selbstverständlich nicht – denn kaum jemand würde ernsthaft auf diese Früchte verzichten wollen. Ist es verdächtig? Schon eher! Die Denunziation der Kontemplation, die in Bacons abfälliger Metapher steckt, sollte zu denken geben: Was geschieht mit den Subjekten, ihrer Wahrnehmung der Welt und ihrem ganzen Weltverhältnis, wenn der reduzierende Zugriff auf die Welt zur favorisierten Tugend der Erkenntnishaltung wird, der Mensch darin zum „Herr und Besitzer der Natur“ (Descartes, 1637, VI,2) und das Instrument jenes reduzierende Zugriffs die Folterbank der hochnotpeinlichen Befragung (vgl. Fischer, 1904, 70–81) ist? Und – denken wir an „Faust“ und seine neuzeitliche „Neuübersetzung“ des Johannesprologs („Im Anfang war die Tat“): Wieviel Renaissance-Magier steckt im Erbgut des neuzeitlichen „Forschers“ – ein Vorfahr, dessen er sich heute eher zu schämen pflegt, den er verleugnet und dessen Präsenz im Erbgut doch immer wieder in Erscheinung tritt? Und wieviel Renaissance-Platoniker (übrigens historisch nicht selten identisch mit dem Magier-Experimentator in seiner alchemistischen Küche), der nicht nur das Wesen der Dinge in der Erscheinungswelt sucht, sondern jenseits der Erscheinungswelt das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Jedenfalls bleibt diese Suche nach der wahren Wirklichkeit jenseits der Erscheinungswelt – selbst oder gerade in der Umkehrung eines materialistischen Naturalismus – ein platonisierender Grundzug in so manchen Selbstdeutungen neuzeitlicher Wissenschaft. Gerade in einem nunmehr nicht nur methodischen, sondern ontologischen Reduktionismus, der sagt Wirklichkeit x ist „nichts anderes“ als y.

Tatsächlich enthüllt sich im Weg von einem methodischen zum ontologischen Reduktionismus eine bemerkenswerte Dialektik. (Dieser Abschnitt ist inspiriert von Mutschler, 2002, bes. 181–189) Zunächst führt ja der Weg von einer holistischen Anschauung der Natur zur reduzierten, aber präzisen und experimentell kontrollierbaren Frage an sie, die genau einen genau umgrenzten Zusammenhang ergründen will, zu einer metaphysischen Entlastung und Leichtigkeit. Natürlich verschwindet Metaphysik nicht ganz. Aber jenseits der unabtrennbaren Amalgamierung der aristotelischen Physik mit seiner Metaphysik, gerät die Metaphysik nun in die Vorfragen und Randzonen – und genau dies setzt die neue Physik frei. Zumindest was ihren – mathematisierbaren – Kernbereich angeht. (Nebenbei: Ist das umgekehrt auch so? Wie stark ist aristotelische Ontologie an seine Physik gebunden? Könnte die Emanzipation der neuen Physik nicht auch Einsichten der aristotelischen Metaphysik allererst aus ihrer naturphilosophischen Gefangenschaft freisetzen und zu sich bringen?)

Aber schon hier beginnt die Dialektik: Große Physiker behaupten von sich ganz ausdrücklich, dass sie nicht in Formeln denken und deshalb Bilder und damit unsere Anschauungswelt eine entscheidende Rolle für den Denkprozess spielen... Zunächst aber gilt dennoch: Der Rang eines Physikers hat offenbar nichts mit seinen weltanschaulich-metaphysischen Optionen zu tun. Ganz entgegen der Geschichten, die in den Kreisen des neuen Atheismus so oft erzählt worden sind, dass sie zur unkritisch geglaubten Dogmatik mutiert sind. Newton: Christ mit okkulten Neigungen, Einstein: Spinozist, Heisenberg: Platoniker, Weinberg: Materialist usw. usw. Neuzeitliche Physik, verbunden mit methodischer Reduktion, ist offensichtlich mit unterschiedlichsten weltanschaulich-metaphysischen Optionen vereinbar. Und dies hat vermutlich gerade mit dem methodischen Reduktionismus zu tun.

Klar wird so auch: Methodische Reduktion erzwingt offensichtlich keinesfalls auch einen ontologischen Reduktionismus. Reduktion als Erfolgsgeheimnis neuzeitlicher Wissenschaft erzeugt vielmehr gerade metaphysische Vieldeutigkeit. Das heißt aber gerade auch – und hier nimmt die Dialektik Fahrt auf: Obwohl das „Kerngeschäft“ metaphysisch entlastet ist, verschwinden die metaphysischen Fragen nicht. Denn die Genannten sind esoterische Christen, Spinozisten, Platoniker und Materialisten nicht etwa als bloße Privatleute, sondern mindestens auch als Naturwissenschaftler. Sie geben damit auch dem einen Rahmen, was sie naturwissenschaftlich begreifen. Und das scheint – gerade bei Wissenschaftlern dieses Kalibers – einem tief empfundenen Bedürfnis zu entsprechen. Wenn der Rang dieser Wissenschaftler aber zugleich dafür spricht, dass zwar diese weltanschaulich-metaphysischen Optionen untereinander unvereinbar sind, aber ihre Wahl als Rahmen des Erforschten logisch möglich ist und nicht auf groben Denkfehlern beruht, dann ist offensichtlich, dass keine dieser Deutungen unmittelbar aus dem Erforschten abgeleitet werden kann. Noch einmal also: Das gerade durch methodische Reduktion freigesetzte Material neuzeitlicher Wissenschaft ist metaphysisch vieldeutig. Für das Problem eines ontologischen, weltanschaulichen Reduktionismus bedeutet das: Er ist niemals unmittelbar aus den empirischen Gegebenheiten begründbar, ja, er wird durch sie auch nicht nahegelegt. Er ist selbst eine metaphysische Option, eine ontologische Interpretation der Wirklichkeit, die in keiner Weise selbstverständlich ist und die entsprechend Begründung und Diskussion braucht – jenseits des bloßen Verweises auf die Ergebnisse der Wissenschaft.

Die wirkliche oder vermeintliche Plausibilität der weltanschaulich-metaphysischen Optionen mag deshalb jeweils viele und unterschiedliche Quellen haben. Diskutiert werden aber müssen sie philosophisch. Hier entfaltet sich nun die volle Dialektik unseres Problems: Methodische Reduktion entlastet zunächst von Metaphysik. Sie erzeugt dabei metaphysische Vieldeutigkeit. Aber sie beseitigt nicht das Bedürfnis nach metaphysischer Deutung. So lange dabei das philosophische Niveau der Diskussion nicht gesichert ist, drohen unkritisch gewonnene, vielleicht nur scheinbare Plausibilitäten dieses Bedürfnis zu erfüllen. Meiner Überzeugung nach gehört der heute so ungeheuer populäre und kaum hinterfragte naturalistische Reduktionismus genau hierher. Und genau diesem Ziel soll u.a. die Diskussion hier dienen: unsere verborgenen Metaphysiken und ihre wirklichen oder vermeintlichen Quellen der Plausibilität sichtbar zu machen und einer kritischen philosophischen und theologischen Diskussion zuzuführen.


Martin Brüske ist promovierter Theologe aus Fribourg (CH). Er ist Lehrbeauftragter für ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät in Fribourg und unterrichtet Ethik am TDS Aarau.


Verwendete Literatur

- Bacon, Francis, De dignitate et augmentis scientiarium. In: The Works of Lord Bacon. Bd. 2. London 1841 [1623].

- Descartes, René, Discours de la Méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences / Bericht über die Methode, die Vernunft richtig zu führen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu erforschen. Stuttgart 2019 [1637].

- Fischer, Kuno, Francis Bacon und seine Schule. Entwicklungsgeschichte der Erfahrungsphilosophie. Heidelberg 1904.

- Mutschler, Hans-Dieter, Naturphilosophie. Stuttgart, 2002.



Oliver Dürr: Im Ende der Anfang: COVID-19 und die Auferstehung – Kommentar


Die derzeitige Corona-Pandemie ist eine globale Krise und sie fordert uns alle heraus. Krisen lösen bei unterschiedlichen Menschen zurecht verschiedene Reaktionen aus: So können die persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Folgen der Krise zu Verunsicherung, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung führen, – und zwar mit gutem Grund, denn kein Mensch kann die mittel- und langfristigen Folgen der heutigen Entwicklungen wirklich abschätzen und entsprechende Prognosen müssen uns suspekt vorkommen.


Gleichzeitig inspirieren dieselben Herausforderungen auch neue und ermutigende zwischenmenschliche Initiativen, wissenschaftliche Kooperationen und politische Projekte, die in dieser Form bisher undenkbar gewesen wären. Schlussendlich geschieht im Moment der Krise aber auch eine unverhoffte Klärung der Prioritäten, die in der zerstreuten Geschäftigkeit unseres Alltags sonst kaum gelänge: Es wird auf einmal deutlich, wie vieles wir aus unserem Lebensplan ziemlich verlustfrei streichen können – und umgekehrt wird der Wert von vielem deutlich, worauf wir in der Krise verzichten müssen.


So erinnern wir uns unmittelbar an das, was wirklich wichtig ist: Gemeinschaft, Familie, Freunde, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Güte, Friede, praktische Unterstützung für hilfsbedürftige Menschen, Solidarität – und in all diesen Menschen und durch all diese Werte: Gott. Aber dieser Gott offenbart sich dem christlichen Glauben nicht nur direkt im Guten und Schönen, vielmehr muss sich dies bewähren in Trauer, Leid und Tod – in der Krise. Dieser Gott ist zugleich nah und dennoch schwer zu fassen, wo aber Gefahr ist, wächst auch das Rettende.


So kennt auch Jesus Christus diesen schmerzvollen Weg und es ist seine Auferstehung (die wir in der österlichen Freudenzeit feiern), die jenes Leiden transformiert und in ein neues Licht stellt. Entsprechend kennt der christliche Glaube von seinen Ursprüngen her bereits die Tradition des Memento mori: Gedenke Mensch, dass auch du einmal sterben musst (vgl. Ps 90,12). Wo diese Spiritualitätslinie nicht im Sinne einer zynischen Gleichgültigkeit oder im Zuge einer leeren Selbstverbesserungsideologie ausgelegt, sondern von einem robusten Glauben an die Auferstehung zehrt (und zwar Auferstehung derjenigen Welt in Raum, Zeit und Materie, innerhalb derer wir Menschen existiert), da wird sie uns in unserer heutigen Situation zur Quelle des Glaubens und der Hoffnung. In der grössten Krise erweist sich je neu die tragende Kraft Gottes, ja selbst der Tod wird verschlungen vom Sieg (vgl. 1 Kor 15,55).


Also ist die Aufforderung Jesu an seine Jünger im Garten Gethsemane, «Wachet und betet» (Mt 26,41), zwar ursprünglich in die tiefste Nacht der Ungewissheit hineingesprochen, wir aber haben heute die nachösterliche Gnade bereits empfangen. Unser Gethsemane ist schon ins Licht der ewigen Morgenröte getaucht und wir durchleben die Krise unserer Zeit im Zeichen der Auferstehung. Jesus Christus ist auferstanden und mit ihm ist der Welt ein unverlierbares Leben geschenkt. Es ist nun der Auftrag der Kirche, dieses neue Leben in unserer Gegenwart, das heisst nicht zuletzt im Kontext der Corona-Krise, zu inkarnieren, zu konkretisieren und ihm eine für die Welt greifbare Gestalt zu geben.



Oliver Dürr hat Theologie und Geschichte studiert und ist zurzeit Diplomassistent am Lehrstuhl für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg.

KONTAKT

Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft

Institut für Ökumenische Studien / 

Universität Fribourg

Av. de l'Europe 20, CH-1700 Freiburg

+41 (0)26 300 74 25

glaubeundgesellschaft@unifr.ch